Schlagwort-Archive: Béla Hamvas

Religion, Religionen, Religiosität

Die einen sagen: „Religion ist Opium für’s Volk“, die anderen „Religion ist Psycho-Hygiene“. Das eine klingt nach ziemlich benebelt und beschreibt eher das Gegenteil von dem, worum es geht und das andere nach „Vergiss nicht die Fußnägel zu reinigen“. Beides sind mit Sicherheit Phänomene, die im Zusammenhang mit dem Begriff ‚Religion‘ stehen und durchaus zurecht assoziiert werden. Religion ist eine der häufigsten Ursachen für Kriege. Religion ist selbst in unserer doch so modernen und globalisierten Welt offensichtlich ein brisantes Thema. Nur weil Missbrauch mit etwas getrieben wird, muss es noch lange nicht vom Ursprung her schlecht sein, unter Umständen gerade deshalb das Gegenteil.

Der Begriff ‚Religion‘ kennt keine exakte Definition.

Eine eindeutige Verwendung im deutschen Sprachgebrauch ist die Redewendung ‚die Religionen der Welt‘. Gemeint sind damit die Überbegriffe wie Christentum, Hinduismus, Islam. Wenn in der Schule ‚Religion‘ unterrichtet wird, ist der Unterricht geteilt nach Konfessionen. Es gibt in der Regel evangelische und katholische Religion und wenn da jemand nicht rein passt oder nicht rein will, gibt es ‚Ethik‘. Das Unterrichtsfach wird dann zu einem Sammelbecken unterschiedlichster Motive und hat die Aufgabe Richtlinien für soziales Verhalten zu vermitteln.

Das Wort ‚Religion‘ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet laut Duden: religio = Gottesfurcht, Herkunft ungeklärt; in der christlichen Theologie häufig gedeutet als (Zurück)bindung an Gott, zu lateinisch religare = zurückbinden

Etymologisch betrachtet gibt es drei Verben, auf die die Bedeutungen des Begriffs Religion „religio“ zurückgeführt werden:

  • relegere: wieder durchgehen, es bezieht sich auf die äußere Einhaltung der rituellen Pflichten im römischen Reich.

  • re-eligere: wieder wählen, erhält seine Bedeutung aus dem Einfluss des Christentums, durch die Erweiterung der kultischen Handlungen um den Aspekt einer personalen Beziehung zu Gott.

  • religare: rück-binden als eine Wiederherstellung des ursprünglichen Gottesverhältnisses nach dem Sündenfall.

Im wissenschaftlichen Diskurs ist die Betrachtungsweise „Religion als kulturelle Erscheinung bzw. als ein im Umkreis des menschlichen Geistes vorkommendes Phänomen“ zu sehen, die Basis für weitere Differenzierungen.[1] Als Zuständigkeit der Theologie kristallisieren sich „die Vorstellungen die Menschen über Gott entwickelt haben“[2] heraus. Vertreter der Religionssoziologie wie Durkheim, Weber oder Marett sehen die funktionale Aufgabe von Religion als emotionale und rationale Bewältigung von Krisensituationen bevorzugt in Gemeinschaft. ‚Krise‘ in diesem Zusammenhang meint sowohl die elementaren Themen wie Krankheit, Tod, und außeralltägliche, gefährliche, unerwartete oder übermächtige und übernatürliche bzw. transzendente menschliche Erfahrungsdimensionen.

„Was man gewöhnlich und im allgemeinen ‚Religion‘ nennt, ist zu einem so erstaunlichen Grade ein Ersatz, daß ich mich ernsthaft frage, ob diese Art von Religion, die ich lieber als Konfession bezeichnen möchte, nicht eine wichtige Funktion in der menschlichen Gesellschaft habe. Sie hat den offensichtlichen Zweck, unmittelbare Erfahrung zu ersetzen durch eine Auswahl passender Symbole, die in ein fest organisiertes Dogma und Ritual eingekleidet sind.“ [3]

„Konfessionen sind kodifizierte und dogmatisierte Formen ursprünglicher religiöser Erfahrungen. Die Inhalte der Erfahrung sind geheiligt und in der Regel starr geworden in einem unbeugsamen, oft komplizierten Gedankengebäude. Die Ausübung und Wiedererzeugung der ursprünglichen Erfahrung sind zum Ritus und zu einer unveränderlichen Institution geworden.“ [4]

In dem Text ‚Ein Tropfen aus der Verdammnis‘ schreibt Béla Hamvas[5]: “Ich bin nicht fromm, aber alle wichtigen Ereignisse waren religiös.“[6] „Das wovon wir reden und was wir versuchen wollen einigermaßen anzugeben, nämlich zu Gefühl zu bringen, lebt in allen Religionen als ihr eigentlich Innerstes ohne es wären Sie garnicht Religion.“[7] Rudolf Otto versucht in seinem Buch „Das Heilige“ eine sprachliche Annäherung an das eigentlich Innerste, das religiöse Gefühl. Auf Otto gehen grundlegende religionswissenschaftliche Begriffe wie das Numinose und das Kreaturgefühl zurück.

Carl Gustav Jung berichtet in seinen Publikationen und Vorträgen vielfältig aus seiner Arbeit, wobei deutlich wird, dass das Thema Religion eine existenziell anthropologische Kategorie ist, die in menschliche Tiefendimensionen reicht.

„In meinem Beruf bin ich einigen Menschen begegnet, welche solch eine unmittelbare [Anm.: religiöse] Erfahrung gehabt haben und sich der Autorität kirchlicher Entscheidung nicht unterwerfen wollten oder konnten. Ich mußte sie durch Krisen und leidenschaftliche Konflikte begleiten, durch die Angst vor dem Wahnsinn, durch verzweifelte Verwirrungen und Depressionen, die zugleich grotesk und furchtbar waren, so daß ich völlig überzeugt bin von der außerordentlichen Wichtigkeit des Dogmas und des Rituals zum mindesten als Methode geistiger Hygiene. Wenn der Patient ein praktizierender Katholik ist, rat ich ihm ohne Ausnahme zu beichten und zu kommunizieren, um sich vor der unmittelbaren Erfahrung zu schützen, die leicht zuviel für ihn werden könnte.“ [8] Religion ist die Frucht und der Höhepunkt der Vollständigkeit des Lebens, d.h. eines Lebens, welche beide Seiten [Anm. A.S.: bewusste sowie unbewusste Seite] enthält.“ [9]

Auch für Béla Hamvas ist es völlig klar: „Menschen ohne Religion gibt es nicht.“[10] Selbst die Atheisten gehören zu einer Religion, aber einer schlechten. Dazu an anderer Stelle vielleicht einmal mehr. Religion erweist sich für Hamvas nicht als ein Akt des Glaubens, sondern „ist eine existentielle Situation und zwar nicht die Lösung, sondern das Problem, oder was auf dasselbe hinausläuft: die dramatische Spannung zwischen dem, was Wirklichkeit und dem, was das Jenseits ist. Die religiöse Existenz ist nie das eine oder das andere, nie nur Realität von Geburt-Wachstum-Tod, die Welt des Entstehens-Vergehens, und nie nur Unsterblichkeit, Auferstehung, Unvergänglichkeit, Jenseits, sondern, stets beides zugleich. Ein religiöses Leben zu führen, bedeutet den Kampf zwischen der Wirklichkeit des Entstehens-Vergehens und der Leidenschaft des jenseitigen Lebens zu durchleben. Religiöse Existenz ist es, wenn sich die vergängliche Welt und die Unvergänglichkeit in jemanden gegenüberstehen und miteinander ringen […] Die religiöse Haltung entspringt also keinem Wissen um die Vergänglichkeit oder um die Unsterblichkeit, sondern der dramatischen Situation, die zwischen diesen beiden letzten Seinsmöglichkeiten entstanden ist.“[11]

 

 [1]  Heil, Joachim [2010] : Was ist „Religion“? Eine Einführung in unser wissenschaftliches Reden über Religion. In: Internationale Zeitschrift für Philosophie und Psychosomatik (IZPP)Ausgabe 1/2010, Themenschwerpunkt „Religion und Religiosität“. http://www.izpp.de/ausgabe_2-2010.html. 17.04.2015, 22:53

[2] Heil 2010, S. 3

[3] Jung, Carl Gustav (19624) [1937]: Psychologie und Religion: Terry Lectures 1937 gehalten an der Yale University, Zürich: Rascher Verlag, S.54

[4] Jung, Psychologie und Religion, S. 13

[5] Hamvas, Béla: [1999]: Philosophie des Weins. Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki. Herausgegeben von Gerhard Wehr. Editio Marika Marghescu: Grafing

Aus dem was an biographischen Bruchstücken des ungarischen Schriftstellers und Philosophen noch zur Verfügung steht, geht hervor, dass er 1935 einen geistigen Zirkel gründete, dem zahlreiche Autoren und Philosophen angehörten. Es war der sogenannte Inselkreis, der bis 1939 existierte und insbesondere antikes Gedankengut erhalten und verbreiten wollte. Hamvas übersetzte zu dieser Zeit griechische Schriften. Karl Kerényi war ebenfalls Mitglied dieses Kreises und veröffentlichte gemeinsam mit C. G. Jung eine Einführung in das Wesen der Mythologie. Die Philosophie des Weins entstand 1945.

[6] Hamvas, Béla (1999) Ein Tropfen aus der Verdammnis in Silentium. Essays.Aus dem Ungarischen von Jörg Buschmann. Herausgegeben von Gerhard Wehr. Editio Marika Marghescu: Grafing. Auszüge aus den Seiten 64 – 67 .

Vgl. auch:

http://astridschollenberger.com/2015/02/24/fastenzeit/

[7] Otto, Rudolf [1917] (1947): Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. 26. -28. Aufl. Gotha: Klotz Verlag, S. 6

[8] Jung, Psychologie und Religion

[9] Jung, Psychologie und Religion

[10] Hamvas Philosophie des Weins

[11] Béla Hamvas, Wissenschaftsreligion und Religionswissenschaft. In Ders.: Kierkegaard in Sizilien. Essays. Batterien, 76. Berlin: Matthes und Seitz, S. 39-54

 

[contact-form][contact-field label=’Name‘ type=’name‘ required=’1’/][contact-field label=’E-Mail‘ type=’email‘ required=’1’/][contact-field label=’Webseite‘ type=’url’/][contact-field label=’Kommentar‘ type=’textarea‘ required=’1’/][/contact-form]

Fastenzeit

Gespräche, Diskussionen, Beiträge in den Medien der vergangenen Tage nach Aschermittwoch haben mir den Eindruck vermittelt, dass der anstrengendste Verzicht in der Fastenzeit, der Verzicht auf das Fasten selbst ist.

Es ist scheinbar wie mit dem Arbeiten. Arbeitsvermeidungsstrategien sind in der Regel aufwendiger, als die Arbeit mal gerade eben gemacht zu haben. Man erfindet die tollsten Auslegung und Anregungen, was man denn noch alles Fasten könnte: Wein, Süßigkeiten, „Runtermache“… Wie erfrischend dagegen der folgende Textausschnitt:

„Im Waldhaus oben auf dem Berg richte ich mich auf das Fasten und Silentium ein. Abends um acht nehme ich noch ein leichtes Mahl zu mir. Gegen Mitternacht ist alles verdaut. Beginn des Fastens. Den ganzen nächsten Tag hindurch, bis zum dritten Tag nachmittags um vier. Insgesamt vierzig Stunden. Böhme sagt: Adam lebte vierzig Tage im Paradies, Israel irrte vierzig Jahre umher. Jesus war vierzig Tage in der Wüste, Christus lag vierzig Stunden im Grab. Deshalb habe ich die vierzig gewählt. Ich bin nicht religiös. Ich brauche das Ganze. Aber ich weiß, man tut gut daran, mit der Religion zu rechnen, denn das meiste an praktischer Weisheit allen menschlichen Wissens findet sich in der Religion. Während der vierzig Stunden spreche ich kein lautes Worte. Ich gehe still spazieren, körperliche Arbeit verrichte ich nicht, ich sitze lieber im Schatten und lese oder meditiere, und wenn ich das Bedürfnis verspüre, bete ich. Die rebellische Anmaßung des Magens beschwichtige ich von Zeit zu Zeit mir schwachsaurem Zitronenwasser. Morgens und abends sich waschen von Kopf bis Fuß. Einmal am Tage die Eingeweide ausspülen. Das ist alles.
Es verlangt mich nicht danach, Buße zu tun. Mich für etwas zu bestrafen. Keine Kasteiung. Keine Sentimentalität. […]
Ich entschied mich für Silentium und Fasten, weil ich den Sinn des bislang schwersten Jahres meines ohnehin nicht einfachen Lebens herausgefunden hatte und weil ich diesem Sinn nun ins Auge schauen wollte. Dazu bedurfte es der Ruhe und der Einsamkeit und des Fastens und des Waschens, bedurfte es einer Art Quarantäne, um den Lauf des Lebens zu verlangsamen, vielleicht sogar anzuhalten, und mir damit die Möglichkeit zu schaffen, besagten Sinn ganz zu erfassen.
Einsamkeit und Fasten sind ein magischer Zustand. Gewöhnlich ist das nicht bekannt. Die Furchtsamen und die Kleingläubigen lassen sogar einmalige religiöse Fastentage benommen über sich ergehen wie eine unbegreifliche Strafe und denken unterdessen unablässig ans Essen. Strenges Fasten im Gefängnis bei Wasser und Brot ist eine Qual. Selbst wenn es ursprünglich in Sinne des Gesetzes war, dem Sträfling durch Fasten Gelegenheit zu Einsicht und Bekehrung zu geben. Im übrigen genügen auch vierundzwanzig Stunden keineswegs, um eine Fastenstimmung zu erzeugen. Sie genügen nicht, damit der bei fortwährender Verdauung halbtrunkene menschliche Organismus ausnüchtert und die Fähigkeit zu höheren Sensibilität erlangt.
Wie ich schon sagte, ich bin nicht im mindesten okkult und ebensowenig religiös. Ich akzeptiere nur, was die Intelligenz im hellen Tageslicht betrachten kann. Die Abgeschiedenheit habe ich nur gewählt, weil ich weiß, daß ich allein in diesem magischen Zustand fähig bin, mich dem anzunähern, was ich verstehen möchte. In jener durch Einsamkeit und Fasten gesteigerten Sensibilität. Gehungert habe ich auch schon früher, gelegentlich aus freien Stücken, und ich erinnere mich sehr genau an jene lichten Augenblicke, die wieder und wieder blitzartig im Gemüt aufleuchten. Jetzt bedürfte ich dieser Augenblicke. Klarheit, Klarheit, von der man nie genug haben kann. Die Nahrung befriedigt nur zur einen Hälfte, zur anderen ruft sie Mangelgefühle hervor. Der Wunsch nach ständig sich erneuernder Erregung ist die andere Seite des Wohlgesättigtseins. Je mehr  man ohne Punkt und Pause zu sich nimmt, gleich ob von leiblicher oder geistiger Nahrung, desto mehr möchte man davon habe.
Im übrigen befand ich mich gerade in der Periode der Häutung. Da ist man faul und gelangweilt, verdorben und fade, man bringt die fast schon krebsschalenharte Haut zum Bersten, schlüpft gewissermaßen aus sich selbst heraus. Man hatte immer von sich gedacht, das bin ich. Aber nun stellt sich heraus, daß es nur eine Maske war, wie all die vorangegangenen auch. Die frische Haut ist wieder empfindlich geworden. Man erkennt es daran, daß der Normalzustand Verzückung ist. Nicht Sicht, sondern Vision. Nicht Realität, sondern Mirakulum. Nicht common sense, sondern Enthusiasmus. Alles Welke ist verschwunden. Frohsinn. Durch und durch magisch. Eine freie und bedingungslose Herrschaft auf niedrigem Niveau.
Die Seele ist das Kind des Feuers von zehntausend Häuten. Pyriapais myriodermatikos. Zehntausend Häute muß man  verlieren, ehe man zu sich selbst gelangt.“
Béla Hamvas (1999) Ein Tropfen aus der Verdammnis in Silentium. Essays.
Aus dem Ungarischen von Jörg Buschmann. Herausgegeben von Gerhard Wehr. Editio Marika Marghescu: Grafing. Auszüge aus den Seiten 64 - 67

Mehr Informationen zu Biografie und Geschichte von Béla Hamvas (gest. 1968), dem ungarischen Schriftsteller und Philosophen:

http://www.philosophie.uni-mainz.de/blondel/B%E9la_Hamvas.htm

 

[contact-form][contact-field label=’Name‘ type=’name‘ required=’1’/][contact-field label=’E-Mail‘ type=’email‘ required=’1’/][contact-field label=’Webseite‘ type=’url’/][contact-field label=’Kommentar‘ type=’textarea‘ required=’1’/][/contact-form]

Bela Hamvas_Gesundheit

„Ich glaube, früher oder später sollte der Begriff der Gesundheit einmal genau bestimmt werden, nicht von Ärzten, sondern von Dichtern und Denkern. Auf die Schulmedizin können wir in dieser Frage nicht zählen. Was man in Kliniken für gesund hält, riecht nach Desinfektion.

Was würdest Du sagen, wenn Du eine schöne Frau küsst und Dir aus ihrem Mund Karbolgeruch entgegenschlägt? Gesundheit ist nicht steril. Gesundheit duftet nach Früchten, sie ist wie ein Muskatellerwein, wie Schwarzer Hamburger, wie Muscat-Otonel. Am ehesten noch gleicht sie dem Apfel, der kanadischen Renette, der Bellefleur, dem Kalvil oder dem Jonathan.

Das Wissen um die Heiligkeit des Lebens beginnt dort, wo die Hierarchie der Speisen endgültige Ausformung findet. Es bräuchte einen Moses, einen Hermes Trismegisto, einen Manura. Einen Orpheus, um dies Hierarchie in ein Gesetz zu fassen. Von Henoch heißt es, er habe die Menschheit mit neuen Speisen bekannt gemacht. Solange unser Speiseplan falsch ist, können wir nicht damit rechnen, dass unser Leben in Ordnung kommt. Und solange unser persönliches Leben ungeordnet ist, können wir nicht damit rechnen, daß die Plagen unserer Welt verschwinden. Und Prinzipien noch weniger. Man kann nicht Kaldaunen essen und zugleich rein leben.

Ich glaube, das allerwichtigste ist die Rehabilitierung des Körpers. Jeder kennt das Grauen vor der Körperlosigkeit. Aber ich kenne niemand, auch keine Frau, der in seinem körperlichen Sein nicht ein schlechtes Gewissen hätte. Entweder man verweigert die Speise oder stopft sich den Bauch voll. Vielleicht auch beides zusammen. Rein und ruhig essen, so wie man zum Beispiel in den großen Büchern liest. So essen, daß man den Zustand der Gnade genießt. Eine pausenlose Früchtestunde. Die Frucht ist der körperlichste Körper. Das Mysterium der Blüte verkörpert sich. Deshalb sagt Novalis, am wilden Baum dufte die Blüte und am veredelten die Frucht. Das ist die Verkörperung. Reifwerden. Reife ist doppelte Jugend. Ripeness is all. Das Corpus. Das Soma. Das Volk. Die Kirche. Die Verwirklichung von Verheißung und Möglichkeit, von Begabung und Fähigkeiten, von Eigenschaft und Individualität.“

Béla Hamvas: (1999) Silentium. Essays. Aus dem Ungarischen von Jörg Buschmann. Herausgegeben von Gerhard Wehr. Grafing bei München: Edition Marika Marghescu

Mehr Informationen zu Biografie und Geschichte von Béla Hamvas (1897-1968):

http://www.philosophie.uni-mainz.de/blondel/B%E9la_Hamvas.htm

http://www.hamvaskarneval.mediatransform.de/Der_Autor/der_autor.html

[contact-form][contact-field label=’Name‘ type=’name‘ required=’1’/][contact-field label=’E-Mail‘ type=’email‘ required=’1’/][contact-field label=’Webseite‘ type=’url’/][contact-field label=’Kommentar‘ type=’textarea‘ required=’1’/][/contact-form]

 

Bela Hamvas_Seele

„Zum Glück ist die Seele anders als der Körper. Wenn jemand mit Klumpfüßen oder taubstumm zur Welt kommt oder zu Lebzeiten zum Krüppel wird, vermag menschliche Macht daran nichts zu ändern. Das Reich der Seele ist anders. Jedermann wird mit gesunder Seele geboren, und diese Gesundheit kann er nie verlieren. Von Defekten seiner Seele kann jeder genesen. Dazu ist noch nicht einmal ein Wunder nötig.“

[…]

„Jede Seele wird als Ganzes geboren und kann Ihre Ganzheit nicht verlieren. Sei klug, hol Dir Deine Ganzheit zurück.“

Béla Hamvas: (1999) Philosophie des Weins. Grafing bei München: Edition Marika Marghescu

Mehr Informationen zu Biografie und Geschichte von Béla Hamvas (1897-1968)

http://www.philosophie.uni-mainz.de/blondel/B%E9la_Hamvas.htm

http://www.hamvaskarneval.mediatransform.de/Der_Autor/der_autor.html

[contact-form][contact-field label=’Name‘ type=’name‘ required=’1’/][contact-field label=’E-Mail‘ type=’email‘ required=’1’/][contact-field label=’Webseite‘ type=’url’/][contact-field label=’Kommentar‘ type=’textarea‘ required=’1’/][/contact-form]

 

Bela Hamvas_Wein und Edelstein

Die wenigen ins Deutsche übersetzten Werke des ungarischen Philosophen und Schriftstellers Béla Hamvas sind voller Lebensweisheit, wunderschön, sinnlich,  hoch komplex, philosophisch und mythisch zugleich.  Dabei verwendet er eine einfache, direkte, humorvolle Sprache. Es gibt wenige Bücher, die ich nach Jahren aufschlage und sie haben die gleiche Faszination wie beim ersten Lesen. Mehr noch, neue Ebenen und Schichten treten zu Tage.

Ich habe erfahren, dass die Übersetzungsarbeiten an seinem großen Werk „Karneval“ immer noch voranschreiten. Es gibt nun mehr 1102  von insgesamt 1500 Seiten in deutscher Sprache. Dies nehme ich zum Anlass, ein paar seiner Gedanken vorzustellen:

aus „Philosophie des Weins“ geschrieben 1947

„Jetzt möchte ich über eine meiner schönsten Weinmeditationen sprechen. Es geschah in den Gärten von Berény. Vor einem Keller saß ich unter einem großen Nußbaum auf einer steinernen Bank und schaute auf den See.

[…]

An den Weinstöcken reiften bereits die Trauben. Hier Riesling. Dort Silvaner. Da Otello. Burgunder weiß wie Honig, Portugieser. Wie seltsam dachte ich da, daß all die vielen Inkognito-Erscheinungen das Eine sind, aber ihr Wert besteht gerade darin, daß eine jede unnachahmlich sie selbst und nichts anderes ist. Die Trauben und die Weine gleichen Edelsteinen. Sie sind Offenbarungen des einzigen Einen. Doch jede ist eine andere spirituelle Essenz des Einen. Ich begann, den Smaragd, den Rubin, den Topas, den Amethyst, den Karneol, den Diamanten mit den ihnen entsprechenden Weinen zu vergleichen, und ich leugne nicht, daß mir bei diesem Tun die Frauen außerordentlich hilfreich waren. Wie immer und bei allem, wenn ich über die grenzenlose Vielfalt der spirituellen Essenzen grübelte. Die Edelsteine sind nichts anderes  als  Frauen und Mädchen, Inkognito-Erscheinungen; von ihrer Schönheit bewahren sie sich nur diese eine Eigenschaft, den strahlenden Zauber. Aber der Zauber darf nicht im Sinn von Hokuspokus verstanden werden, sondern als natürliche Magie. „

[…]

Jeder Rausch hat seine Wurzel in der Liebe. Der Wein ist flüssige Liebe, der Edelstein ist kristallisierte Liebe, die Frau ist ein lebendiges Liebeswesen. Wenn ich noch die Blumen und die Musik hinzunehme, dann weiß ich, daß diese Liebe in Farben strahlt und singt und duftet und lebt und dass ich sie essen und trinken kann.

Die Alchimisten sagen, der Edelstein  sei nichts anderes als ein reines Geistwesen, das in der ursprünglichen Schöpfung lebte als ein Engel, aber als der Mensch in Sünde verfiel, riß er ihn mit sich in die Materie. Er wurde zu Stein. doch seine strahlende Reinheit behielt er auch als Stein. Diese Theorie deckt sich mit der meinigen, daß in den Weinen und Trauben eigentlich spirituelle Öle stecken, die Genien sind.

So saß ich meditierend in den Gärten von Berény, und als ich mich beim Sonnenuntergang auf den Heimweg machte, gelang es mir, den fruchtbaren Nachmittag mit einer fröhlichen Pointe zu beschließen. Am Weg erblickte ich sogenannte Noa-Reben. Im Augenblick war ich bestürzt. Was ist das nun  für ein  Edelstein? Und da wurde mir bewußt, daß der Wein eine vollständige Welt ist und als vollständige Welt, wie beispielsweise auch die Frau, Platz hat und haben muss auch für das Böse, das Gemeine, die dunkle Hölle. Die Noa-Traube und die aus ihr gewonnene ätzende, stinkende, weinähnliche Flüssigkeit ist nichts anderes als der plumpe Versuch des Teufels, ebenfalls Wein herzustellen.“

 

Béla Hamvas: (1999) Philosophie des Weins. Grafing bei München: Edition Marika Marghescu

Mehr Informationen zu Biografie und Geschichte von Béla Hamvas (1897-1968)

http://www.philosophie.uni-mainz.de/blondel/B%E9la_Hamvas.htm

http://www.hamvaskarneval.mediatransform.de/index.html

 

[contact-form][contact-field label=’Name‘ type=’name‘ required=’1’/][contact-field label=’E-Mail‘ type=’email‘ required=’1’/][contact-field label=’Webseite‘ type=’url’/][contact-field label=’Kommentar‘ type=’textarea‘ required=’1’/][/contact-form]