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Bela Hamvas_Gesundheit

„Ich glaube, früher oder später sollte der Begriff der Gesundheit einmal genau bestimmt werden, nicht von Ärzten, sondern von Dichtern und Denkern. Auf die Schulmedizin können wir in dieser Frage nicht zählen. Was man in Kliniken für gesund hält, riecht nach Desinfektion.

Was würdest Du sagen, wenn Du eine schöne Frau küsst und Dir aus ihrem Mund Karbolgeruch entgegenschlägt? Gesundheit ist nicht steril. Gesundheit duftet nach Früchten, sie ist wie ein Muskatellerwein, wie Schwarzer Hamburger, wie Muscat-Otonel. Am ehesten noch gleicht sie dem Apfel, der kanadischen Renette, der Bellefleur, dem Kalvil oder dem Jonathan.

Das Wissen um die Heiligkeit des Lebens beginnt dort, wo die Hierarchie der Speisen endgültige Ausformung findet. Es bräuchte einen Moses, einen Hermes Trismegisto, einen Manura. Einen Orpheus, um dies Hierarchie in ein Gesetz zu fassen. Von Henoch heißt es, er habe die Menschheit mit neuen Speisen bekannt gemacht. Solange unser Speiseplan falsch ist, können wir nicht damit rechnen, dass unser Leben in Ordnung kommt. Und solange unser persönliches Leben ungeordnet ist, können wir nicht damit rechnen, daß die Plagen unserer Welt verschwinden. Und Prinzipien noch weniger. Man kann nicht Kaldaunen essen und zugleich rein leben.

Ich glaube, das allerwichtigste ist die Rehabilitierung des Körpers. Jeder kennt das Grauen vor der Körperlosigkeit. Aber ich kenne niemand, auch keine Frau, der in seinem körperlichen Sein nicht ein schlechtes Gewissen hätte. Entweder man verweigert die Speise oder stopft sich den Bauch voll. Vielleicht auch beides zusammen. Rein und ruhig essen, so wie man zum Beispiel in den großen Büchern liest. So essen, daß man den Zustand der Gnade genießt. Eine pausenlose Früchtestunde. Die Frucht ist der körperlichste Körper. Das Mysterium der Blüte verkörpert sich. Deshalb sagt Novalis, am wilden Baum dufte die Blüte und am veredelten die Frucht. Das ist die Verkörperung. Reifwerden. Reife ist doppelte Jugend. Ripeness is all. Das Corpus. Das Soma. Das Volk. Die Kirche. Die Verwirklichung von Verheißung und Möglichkeit, von Begabung und Fähigkeiten, von Eigenschaft und Individualität.“

Béla Hamvas: (1999) Silentium. Essays. Aus dem Ungarischen von Jörg Buschmann. Herausgegeben von Gerhard Wehr. Grafing bei München: Edition Marika Marghescu

Mehr Informationen zu Biografie und Geschichte von Béla Hamvas (1897-1968):

http://www.philosophie.uni-mainz.de/blondel/B%E9la_Hamvas.htm

http://www.hamvaskarneval.mediatransform.de/Der_Autor/der_autor.html

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