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Fastenzeit

Gespräche, Diskussionen, Beiträge in den Medien der vergangenen Tage nach Aschermittwoch haben mir den Eindruck vermittelt, dass der anstrengendste Verzicht in der Fastenzeit, der Verzicht auf das Fasten selbst ist.

Es ist scheinbar wie mit dem Arbeiten. Arbeitsvermeidungsstrategien sind in der Regel aufwendiger, als die Arbeit mal gerade eben gemacht zu haben. Man erfindet die tollsten Auslegung und Anregungen, was man denn noch alles Fasten könnte: Wein, Süßigkeiten, „Runtermache“… Wie erfrischend dagegen der folgende Textausschnitt:

„Im Waldhaus oben auf dem Berg richte ich mich auf das Fasten und Silentium ein. Abends um acht nehme ich noch ein leichtes Mahl zu mir. Gegen Mitternacht ist alles verdaut. Beginn des Fastens. Den ganzen nächsten Tag hindurch, bis zum dritten Tag nachmittags um vier. Insgesamt vierzig Stunden. Böhme sagt: Adam lebte vierzig Tage im Paradies, Israel irrte vierzig Jahre umher. Jesus war vierzig Tage in der Wüste, Christus lag vierzig Stunden im Grab. Deshalb habe ich die vierzig gewählt. Ich bin nicht religiös. Ich brauche das Ganze. Aber ich weiß, man tut gut daran, mit der Religion zu rechnen, denn das meiste an praktischer Weisheit allen menschlichen Wissens findet sich in der Religion. Während der vierzig Stunden spreche ich kein lautes Worte. Ich gehe still spazieren, körperliche Arbeit verrichte ich nicht, ich sitze lieber im Schatten und lese oder meditiere, und wenn ich das Bedürfnis verspüre, bete ich. Die rebellische Anmaßung des Magens beschwichtige ich von Zeit zu Zeit mir schwachsaurem Zitronenwasser. Morgens und abends sich waschen von Kopf bis Fuß. Einmal am Tage die Eingeweide ausspülen. Das ist alles.
Es verlangt mich nicht danach, Buße zu tun. Mich für etwas zu bestrafen. Keine Kasteiung. Keine Sentimentalität. […]
Ich entschied mich für Silentium und Fasten, weil ich den Sinn des bislang schwersten Jahres meines ohnehin nicht einfachen Lebens herausgefunden hatte und weil ich diesem Sinn nun ins Auge schauen wollte. Dazu bedurfte es der Ruhe und der Einsamkeit und des Fastens und des Waschens, bedurfte es einer Art Quarantäne, um den Lauf des Lebens zu verlangsamen, vielleicht sogar anzuhalten, und mir damit die Möglichkeit zu schaffen, besagten Sinn ganz zu erfassen.
Einsamkeit und Fasten sind ein magischer Zustand. Gewöhnlich ist das nicht bekannt. Die Furchtsamen und die Kleingläubigen lassen sogar einmalige religiöse Fastentage benommen über sich ergehen wie eine unbegreifliche Strafe und denken unterdessen unablässig ans Essen. Strenges Fasten im Gefängnis bei Wasser und Brot ist eine Qual. Selbst wenn es ursprünglich in Sinne des Gesetzes war, dem Sträfling durch Fasten Gelegenheit zu Einsicht und Bekehrung zu geben. Im übrigen genügen auch vierundzwanzig Stunden keineswegs, um eine Fastenstimmung zu erzeugen. Sie genügen nicht, damit der bei fortwährender Verdauung halbtrunkene menschliche Organismus ausnüchtert und die Fähigkeit zu höheren Sensibilität erlangt.
Wie ich schon sagte, ich bin nicht im mindesten okkult und ebensowenig religiös. Ich akzeptiere nur, was die Intelligenz im hellen Tageslicht betrachten kann. Die Abgeschiedenheit habe ich nur gewählt, weil ich weiß, daß ich allein in diesem magischen Zustand fähig bin, mich dem anzunähern, was ich verstehen möchte. In jener durch Einsamkeit und Fasten gesteigerten Sensibilität. Gehungert habe ich auch schon früher, gelegentlich aus freien Stücken, und ich erinnere mich sehr genau an jene lichten Augenblicke, die wieder und wieder blitzartig im Gemüt aufleuchten. Jetzt bedürfte ich dieser Augenblicke. Klarheit, Klarheit, von der man nie genug haben kann. Die Nahrung befriedigt nur zur einen Hälfte, zur anderen ruft sie Mangelgefühle hervor. Der Wunsch nach ständig sich erneuernder Erregung ist die andere Seite des Wohlgesättigtseins. Je mehr  man ohne Punkt und Pause zu sich nimmt, gleich ob von leiblicher oder geistiger Nahrung, desto mehr möchte man davon habe.
Im übrigen befand ich mich gerade in der Periode der Häutung. Da ist man faul und gelangweilt, verdorben und fade, man bringt die fast schon krebsschalenharte Haut zum Bersten, schlüpft gewissermaßen aus sich selbst heraus. Man hatte immer von sich gedacht, das bin ich. Aber nun stellt sich heraus, daß es nur eine Maske war, wie all die vorangegangenen auch. Die frische Haut ist wieder empfindlich geworden. Man erkennt es daran, daß der Normalzustand Verzückung ist. Nicht Sicht, sondern Vision. Nicht Realität, sondern Mirakulum. Nicht common sense, sondern Enthusiasmus. Alles Welke ist verschwunden. Frohsinn. Durch und durch magisch. Eine freie und bedingungslose Herrschaft auf niedrigem Niveau.
Die Seele ist das Kind des Feuers von zehntausend Häuten. Pyriapais myriodermatikos. Zehntausend Häute muß man  verlieren, ehe man zu sich selbst gelangt.“
Béla Hamvas (1999) Ein Tropfen aus der Verdammnis in Silentium. Essays.
Aus dem Ungarischen von Jörg Buschmann. Herausgegeben von Gerhard Wehr. Editio Marika Marghescu: Grafing. Auszüge aus den Seiten 64 - 67

Mehr Informationen zu Biografie und Geschichte von Béla Hamvas (gest. 1968), dem ungarischen Schriftsteller und Philosophen:

http://www.philosophie.uni-mainz.de/blondel/B%E9la_Hamvas.htm

 

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